Der Kontext bestimmt die Bedeutung - meistens ...

Polizist in Zivil auf einem Volksfest, Peking
Polizist in Zivil auf einem Volksfest, Peking

Chinesisch ist eine tonale Sprache. Wenn man Chinesisch lernen möchte, dann muss man auch singen lernen und das Gehör trainieren. 

 

Und wenn etwas beim Sprechen schief geht, dann hat es meist mit den Tönen zu tun.

 

Auf einer meiner ersten Reisen nach Peking wollte ich meine ersten 5 chinesischen Wörter ausprobieren. Ich fragte also einen Polizisten nach dem Weg. 

 

Die meisten Chinesen würden an dieser Stelle schon losprusten. Denn einen Polizisten fragt man nicht nach dem Weg. Die Polizei ist hier nicht dein Freund und Helfer. Dazu gibt es eine ganze Reihe von Spottversen und verhunzte Kinderliedern. Und jemanden nach dem Weg zu fragen ist sowieso ziemlich dämlich, weil - so sagt der Volksmund - man sowieso meist auf einen falschen Weg geführt wird.

 

Das alles wusste ich damals nicht, denn ich war ja neu in China. Ich wollte also fragen: „Gestatten Sie die Frage, wo ist die nächste Haltestelle?“ 

 

 

Normalerweise würde man nicht mit „Entschuldigung“ oder einem ähnlichen Wort beginnen, sondern mit „Ni hao“. Also: „Ni hao, wo ist die Haltestelle?“ Ganz einfach, oder?

 

Aber in den Lehrbüchern steht immer an dieser Stelle statt "Ni hao" „Gestatten Sie die Frage“, deshalb ist dies eines der ersten Wörter, die man im Chinesischkurs lernt. Völlig unnütz. Aber so ist eben die Lehrtradition.

 

Wenn man den Satz: „Gestatten Sie die Frage“ falsch ausspricht, also falsch singt, dann heißt das: „Darf ich Sie bitte küssen?“. Und der Polizist freute sich offenbar sehr über diesen Versprecher des großen, dicken Ausländers. Er verstand mich natürlich trotzdem. Denn der Kontext bestimmt die Bedeutung. 

 

Der Kontext regelt den Bedeutungsrahmen. Und diese Tatsache der chinesischen Sprache erleichtert das Chinesisch Sprechen erheblich. 

 

Wenn ich also tagsüber auf der Straße an einen Fremden das Wort richte und etwas sage, das „küssen“ oder „fragen“ heißen könnte, dann wird er immer „fragen“ verstehen, weil der  Kontext die Bedeutung vorgibt. Und es macht einfach keinen Sinn, einen fremden in der Öffentlichkeit zu küssen.

 

Leider ist der Kontext ein ganz anderer, wenn ich Privatunterricht gebe und mir gegenüber eine äußerst attraktive Frau um die Dreißig sitzt. Und es handelt sich hier nicht um einen Freudschen Versprecher, sondern eben um einen dummen deutschen Akzent. Ich wollte sagen: „Frag ruhig, wenn Du etwas nicht verstehst. Frag einfach.“ Ich sagte aber: „Du kannst mich gerne küssen, wenn Du etwas nicht verstehst. Küss mich einfach.“

 

Mein Gegenüber saß wie versteinert da. Und ich verstand nicht warum. Und das war die erste und letzte Unterrichtsstunde bei dieser Frau. Ich glaube, ich werde heute noch rot, wenn ich an diese Geschichte denke.

 

Eine frühere Studentin von mir hieß Zhao Zi Hao. Ein schöner Name mit einer auch sehr schönen Bedeutung. Wenn man die Töne falsch ausspricht dann heißt das aber „leckere Maultasche“. Und ich konnte lange nicht verstehen, warum sie mich nicht mochte. Irgendwann fragte ich sie mal im Seminar, was sie gegen mich hätte. Die ganze Klasse lachte. Und sie sagte dann nur: „Ich heiße nicht leckere Maultasche.“ Meine Güte, war mir das peinlich! Ich glaube, ich brauchte insgesamt drei Jahre, um diesen Namen einigermaßen richtig aussprechen zu lernen.

 

Ein anderes Wort, das ich lange falsch ausgesprochen hatte, ist das Wort für „Wochenende“. Ich wunderte mich darüber, warum es manchmal so schwer war, einen Termin oder eine Verabredung an einem Wochenende zu vereinbaren. Ich fand die Reaktion der Chinesen auf meinen Vorschlag zu einem Treffen am Wochenende immer etwas seltsam.

 

Bis eine neue Schülerin (zu der ich auch einmal versehentlich sagte, dass sie mich küssen dürfte...) mich darauf hinwies, dass ich es falsch ausgesprochen hatte. Anstatt „Wochenende“ sagte ich „die Schnäbel reiben“ (schon wieder küssen!) oder „Reisbrei-Krankheit“, oder auch "Reisbrei-Massage". 

 

Also anstatt zu sagten: „Wollen wir uns am Wochenende am Samstagabend treffen?“ sagte ich: „Hast Du Lust, am Samstagabend mal die Schnäbel zu reiben?“ oder „Hast Du Lust auf Reisbrei-Krankheit am Wochenende?“ oder vielleicht auch "Hast Du Lust auf Reisbrei-Massage am Wochenende?" - je nachdem wie falsch ich die Töne aussprache.

 

Diese Sätze machen keinen Sinn. Und der Kontext gibt das auch nicht her. Deshalb hatten mich meine Gesprächspartner schlicht nicht verstanden. Oder sie waren zunächst so verwirrt, dass sie gar nicht auf die Idee kamen, dass ich Wochenende gemeint haben könnte.

 

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