Der Ton macht die Musik

Inzwischen dürfte es sich bereits herumgesprochen haben, dass die verschiedenen chinesischen Sprachen und Dialekte eine gemeinsame Eigenschaft haben: Sie sind tonal.

 

Das bedeutet, dass bei der Aussprache nicht nur die Längen und Kürzen einen Unterschied in der Bedeutung machen (wie z.B. im Deutschen bei Miete und Mitte), sondern auch die Tonhöhe oder der Verlauf des Tones im Wort oder im Satz. Es gibt im Hochchinesischen (Mandarin) 4 oder 5 Töne, je nach Definition. Im Kantonesischen noch mehr. Und in den Dialekten mitunter auch mehr. Wenn man genau zuhört, kommt man in der Regel auf 6 bis 9 verschiedene Möglichkeiten, eine Silbe auszusprechen oder: zu singen.

 

In den Lehrbüchern werden in der Regel weniger Töne beschrieben als man im Alltag hören kann. D.h. die chinesische Linguistik hinkt dem modernen Sprachgebrauch hinterher. Es gibt praktisch keine umfassende Linguistik des Alltags-Chinesisch, das auch die Dialekte, Regiolekte und Soziolekte erfassen würde.

 

Aber keine Sorge! Dies soll kein Linguistik-Schnellkurs sein. Hier also ein Text ohne chinesische Lautschrift und Fachwörter.

 

 

Schulbuch-Chinesisch

 

Ein Satz, den wir in den meisten Chinesisch-Lehrbüchern finden können: „Die pockennarbige Mutter schimpft das Pferd.“ Oder so ähnlich. Wie heißt der Satz auf Chinesisch? - „Ma Ma Ma Ma Ma.“ Das Geheimnis für das Verständnis liegt in den Tönen. Also wie hoch oder tief die Wörter „gesungen“ werden. 

 

Ehrlich gesagt habe ich große Zweifel daran, dass ein Chinese den Satz „Ma Ma Ma Ma Ma“ verstehen würde, wenn man ihn perfekt aussprechen würde. 

 

Denn erstens, wer nennt seine Mutter mit dem Attribut „pockennarbig“? Das ist respektlos. 

 

Zweitens: In einer Zeit, in der die Pocken quasi ausgestorben sind, wer kennt denn das Wort oder das Aussehen eines pockennarbigen Gesichtes überhaupt noch? 

 

Und drittens ist der Satz so belanglos, dass kaum ein Chinese seine Zeit damit verschwenden würde. Chinesen unterhalten sich meistens entweder über äußerst positive Dinge, also alles was lustig, glücklich, schön, wohlschmeckend ist, oder über Dinge, die als Sensation taugen. Auf Deutsch würde man sagen: Sie lieben Tratsch und Klatsch. Während der Volksmund in Deutschland mit Klatsch und Tratsch in erster Linie Frauen in Verbindung bringt (im Schwäbischen gibt es dafür auch das Wort „Waschweiber“), so ist das in China geschlechts-, alters- und bildungsunabhängig. Jeder Tratscht, und man bringt sich durch das regelmäßige Lesen von Online-Kurznachrichten auf den aktuellen Stand. Tratschen ist hier das Lebenselixier des Alltags.

 

Warum sollte man also über pockennarbige Mütter oder Pferde sprechen?

 

Aber natürlich kennen die Chinesen diesen "Zungenbrecher" auch, weshalb sie diesen Satz verstehen. Aber er kommt eben im Chinesisch des täglichen Lebens nicht vor.

 

Der Ausdruck „Ma de“ aber ist in China ungefähr so häufig wie „fuck“ oder in den USA oder wie „beschissen“ in Deutschland. Und er bedeutet auch ungefähr das Gleiche.

 

 

Aber wir schweifen ab. Zurück zum Thema: die Töne. 

 

 

Dialekte und Sprachfehler in China

 

Stellen Sie sich also vor, es würde eher gesungen als gesprochen. An der Art, wie gesungen wird, also an der Melodie eines Satzes, kann man oft auch die Region oder den Dialekt eines Menschen identifizieren. Und wenn man einen Dialekt oder Akzent nachahmen möchte, dann gelingt das am einfachsten über die Töne, oder auch über die Aussprache des chinesischen „sch“-Lautes. Den können nämlich viele Dialektsprecher in Südchina auch nicht aussprechen.

 

Sie kennen das im Deutschen auch aus Kabarettsendungen und Comedy-Shows. Stellen Sie sich jemanden vor, der einen indischen Akzent nachahmt. Oder den Singsang des Badischen oder Hessischen. Oder das Schweizer-Deutsch. In diesen Dialekten oder Akzenten hören wir Melodien, die die Sprache lustig, niedlich oder kindlich erscheinen lassen. 

 

Und genau solche Töne sind in China bedeutungstragend. Man zeigt dadurch also nicht Emotionen, sondern im Ton steckt die Bedeutung.

 

In China enden Fragesätze also keinesfalls mit einer steigenden Melodie.

 

Stellen Sie sich die folgende deutsche Frage vor: „Geht es wirklich wieder gut?“ Am Schluss geht die Satzmelodie nach oben. Im Chinesischen gibt es dieses Merkmal des Fragesatzes nicht.

 

Genauso zeigt man Wut nicht durch einen fallenden Ton. Stellen Sie sich folgende, sehr wütend gesprochene Beschimpfung vor: „Du Schwein!“ Das Wort „Schwein“ wird hier mit einem fallenden Ton gesprochen. Und der bedeutet auf Deutsch entweder, dass jemand etwas ganz deutlich aussprechen möchte, oder dass er erregt ist. Auch dieses Merkmal gibt es im Chinesischen nicht. 

 

Hier im Südosten, in der Provinz Fujian, gibt es einige Dialekte, die äußerst verliebt in diesen fallenden Ton zu sein scheinen. Sie sprechen scheinbar mehr als 50% aller Silben so aus. Wenn man das als Fremder hört, dann hat man den Eindruck, die Einheimischen wären ständig wütend oder erregt und würden den Tag bereits schimpfend beginnen. Tatsächlich sind sie gelassen oder gut gelaunt, und es handelt sich nur um eine Eigenheit des Dialekts. Es klingt wie Schimpfen für westliche Ohren.

 

 

 

Spott über Einheimische und Ausländer

 

Für Nordchinesen ist die Aussprache hier in der Region um die Stadt Xiamen entweder unverständlich, oder sie lästern mit Vorliebe über die Unfähigkeit der Einheimischen, korrektes Hochchinesisch zu sprechen. Ich habe oft Nordchinesen erlebt, die meinten, die Leute hier wären „zu dumm“ dafür. Wenn ich dann in einem Anfall von Oberlehrerhaftigkeit erwidere: „Nein, das ist nur ihr Dialekt. Es ist ihr Akzent, den sie nur schwer loswerden.“, dann muss ich mir einen langen Vortrag über das Hochchinesische anhören, in dem auch Sätze vorkommen wie: „Das kannst Du nicht verstehen, denn Du bist ja ein Ausländer. Du bist nicht in China in die Schule gegangen. Du kennst die chinesische Geschichte nicht.“ 

 

In China lernt man auch, manchmal einfach den Mund zu halten.

 

Ich habe mich immer noch nicht an die Häufigkeit des fallenden Tones gewöhnt. Und ich assoziiere immer noch negative Emotionen mit dieser Aussprache. Das chinesische Wort für „Telefon“ enthält - je nach Aussprache - ein bis zwei fallende Töne. Es klingt für mich manchmal immer noch etwas wütend, nur aufgrund dieses fallenden Tones.

 

Wenn ich einen Namen im fallenden Ton ausspreche, dann fürchte ich früher oft, der Angesprochene könnte sich angegriffen fühlen. Das ist manchmal etwas verwirrend. Und weil der steigende Ton in den meisten westlichen Sprachen nur mit einer Frage assoziiert wird, deshalb haben wir westliche Ausländer alle eine Gemeinsamkeit: Wir können den steigenden Ton nur schlecht oder manche auch gar nicht aussprechen. Das ist der Akzent der Amerikaner und Europäer hier in China. 

 

Leider auch meiner. Ein beliebtes Spiel meiner Studenten ist, dass sie mir ein neues chinesisches Wort im steigenden Ton versuchen beizubringen. Und sie amüsieren sich köstlich darüber, dass es mir frühestens beim dritten Anlauf gelingt.

 

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