Die klauen doch wie die Raben!

Zhongshan Straße in Tongan, Xiamen
Zhongshan Straße in Tongan, Xiamen

Dass es in den großen Metropolen auf der ganzen Welt auch viele erfahrene Taschendiebe gibt, ist nicht neu. Vor allem dort, wo viele Touristen unterwegs sind, oder in Ländern, in denen die Unterschiede im Lebensstandard sehr groß sind. Je nach rassistischer Neigung werden uns unsere Bekannten oder Kollegen auch vor bestimmten Ländern ganz besonders warnen, weil es dort eben auch ganz besonders schlimm wäre.

 

Natürlich muss man auf seine Siebensachen aufpassen, überall, nicht nur in den Bahnhöfen der Großstädte. Was mich in China überrascht hat, ist, dass mich Chinesen immer und immer wieder ganz explizit vor ihren eigenen Landsleuten warnen. Sie sagen direkt: „Du weißt doch, Chinesen klauen sehr viel.“

 

Ganz besonders vor dem Frühlingsfest (also kurz nach Weihnachten) hört man auch im Radio Berichte von sprunghaft steigenden Zahlen bei Einbrüchen, Fahrrad- und Motorraddiebstählen. Dies wird oft begründet mit dem enormen Erwartungsdruck seitens der Angehörigen, die sich auch von den einfachsten Wanderarbeitern großzügige Geschenke zu den Feiertagen erwarten. Auch beinahe typisch chinesisch, dieser Versuch, auch das abstruseste oder unmoralischste Verhalten irgendwie rational oder sogar beinahe entschuldigend zu erklären. 

 

Zweimal in vier Jahren wurde mein Fahrrad gestohlen. Beide Male war es mit einem angeblich sicheren Kettenschloss an einem Laternenpfahl angeschlossen. Beide Male geschah es im Hochsommer und nicht vor dem Frühlingsfest. Und beide Male war das Fahrrad weder teuer noch wertvoll. Ich hatte nur den Fehler gemacht, es regelmäßig zu putzen. So war es ins Auge gestochen! Und ich weiß jetzt, welche als sicher geltenden Fahrradschlösser von einem erfahrenen Dieb in Sekunden geknackt werden, und welche nicht.

 

Was mich aber beinahe schockiert, das ist eben die Tatsache, dass Chinesen einander und auch Ausländer explizit vor ihren Landsleuten warnen. Weil man eben in diesem Land niemandem trauen könnte. Und weil immer mehr Menschen, die durch ehrliche (oder unehrliche) Arbeit zu nichts kommen könnten, auf Diebstahl und Raub zurückgreifen würden. Wie kann man nur das eigene Land so schwarz malen?

 

Ich habe zweimal in China mein Handy verloren. Einmal ist es mir aus der Fahrradtasche gefallen (mein iPhone der ersten Generation, das ich noch aus Deutschland mitgebracht hatte und das mir fast 3 Jahre treue Dienste geleistet hatte), ein andermal fiel es mir im Taxi aus der Tasche. Als es mir auffiel, rief ich jedes Mal sofort meine eigene Nummer an. Jemand nahm ab, legte auf und schaltete anschließend das Handy aus. Es war zumindest nicht mehr erreichbar. So wird der „Gebrauchthandy“-Markt in China mit Nachschub versorgt. Die Chinesen sagen natürlich, alle so genannt gebrauchten Handys wären Diebesgut oder Hehlerware. Ich vermute hingegen eher, dass die meisten fabrikneuen und originalverpackten iPhones in China irgendwo von einem LKW gefallen sind. Aber das ist vielleicht eher ein anderes Thema ...

 

Also, zweimal verlor ich mein Handy, und der glückliche Finder fand sich glücklich. So glücklich, dass er es gleich behielt. Es sei ihm vergönnt.

 

Einmal verlor ich auf der Fußgängerzone meinen (ausnahmsweise) prall gefüllten Geldbeutel. Eine Frau rief hinter mir her mit „Ni hao, ni hao! Ihr Geldbeutel!“, und ich fühlte mich, wie immer, nicht angesprochen und ignorierte diese als sinnlos erscheinende Rufe in der Menge. Schließlich hatte sie mich eingeholt, klopfte mir auf die Schulter, drückte mir meinen Geldbeutel in die Hand und strahlte. Ich schaute offenbar ziemlich verdutzt, denn alle um uns herum lachten. Ich bedankte mich, und sie sagte nur „keine Ursache“ und lief fort, bevor ich richtig Luft geholt hatte. Natürlich war noch das gesamte Geld und meine Bankkarte drin.

 

Einmal hatte ich meine Bankkarte im Bankautomaten vergessen. Als ich das meinen chinesischen Bekannten erzählte, schlugen sie die Hände über dem Kopf zusammen und meinten, mein Konto wäre jetzt sicher komplett leergeräumt. 

 

Mir schien das unlogisch. Denn wenn der Automat 90 Sekunden inaktiv ist, wird die Karte ausgespuckt oder einbehalten. So dachte ich zumindest. Meine Schüler und mein Freunde waren sich aber sicher, dass alles Geld futsch wäre. 

 

Mich verunsicherte dabei nur ihre felsenfeste Überzeugung, aber ich konnte mir keinen Reim drauf machen. Wie sollte jemand ohne Geheimnummer mein Konto leer räumen? 

 

Es gab aber noch einen zweiten Grund für meine Gelassenheit. Mein Gehalt war damals sehr niedrig, und ich hatte gerade meine Miete für ein Quartal bezahlt, so dass fast nichts auf dem Konto war. 

 

Am nächsten Tag ging ich zur Bankfiliale, und als ich hineinkam, rief mir schon ein Mitarbeiter zu, er hätte meine Karte. Die Filiale war groß, und ich war auch kein regelmäßiger Kunde. Aber so viele Ausländer hatten die da wohl nicht. Ich fragte ihn, woher er die Karte denn hätte. Er sagte, ein Kunde hätte sie abgegeben. Meine 2,37 EUR waren auch noch auf dem Konto. Natürlich waren sie das!

 

Vor ein paar Tagen, just vor den Feiertagen, passierte es mir wieder. Diesmal bei einer anderen Bank, und es war mehr Geld auf dem Konto, und ich hatte meine Miete noch nicht bezahlt. Ein Bekannter und eine Schülerin waren in Panik. Vor allem, weil ja die Filiale noch zwei weitere Tage geschlossen sein würde. Ich blieb gelassen. Ich dachte mir nur, wenn das Geld weg ist, dann soll es eben so sein. Warum sich ärgern? Beinahe unglaublich, zu welcher Gelassenheit mich China inzwischen erzogen hat!

 

Außerdem dachte ich wieder: Wie soll jemand ohne Geheimzahl mein Geld abheben?

Zwei Tage später schickte ich einen Nachbarn zur Bank, um einmal nachzufragen, weil ich zur Arbeit musste und erst spät zurück kommen würde. Er schickte mir eine SMS, sie haben ihm die Karte ausgehändigt. Denn es war die einzige mit einem ausländischen Namen. Sie gaben ihm die Karte, obwohl er keine Vollmacht von mir hatte! Dies war vielleicht das einzige Detail, was einem Deutschen Sorgen bereiteten könnte.

 

Mein Bekannter erzählte mir dann noch, dass die Bank zwei Stapel mit Bankkarten hatte, die verloren und wiedergefunden waren. Ein Stapel war ungefähr 15 cm hoch. Das war der mit den chinesischen Namen. Und der zweite Stapel war der mit den ausländischen Namen. Der war genau eine Karte hoch: meine Karte.

 

Ein Kunde hatte meine Karte gefunden und nach den Feiertagen bei der Bank abgegeben. Leider hatte er nicht seinen Namen zurückgelassen, so dass ich mich nicht bedanken konnte. Natürlich war auch alles Geld noch auf dem Konto. Natürlich war es das!

 

Und auch in Zukunft lasse ich mir von den Chinesen nicht einreden, dass alle klauen würden wie die Raben. Vermutlich gibt es in China kein kulturbedingtes oder religiöses Gewissen, dass einen Finder dazu zwingen würde, einen gefundenen Wertgegenstand zurückzugeben. So sicher bin ich mir da aber auch nicht. 

 

Aus diesen Erfahrungen lerne ich persönlich nur das enorme Ausmaß an Misstrauen, dass   die Chinesen gegenüber ihre Landsleute haben.

 

Wenn ich meine positiven Erfahrungen erzähle, dann bekomme ich übrigens immer nur zu hören: „Das ist Dir passiert, weil Du ein Ausländer ist. Chinesen sind immer viel netter und freundlicher zu Ausländern als zu Landsleuten.“ Das halte ich zwar für blanken Unsinn, aber das ist eben die vorherrschende Denkweise hier. Und das lassen sie sich von mir auch nicht ausreden. Warum ist das Unsinn? Weil auf der Bankkarte hier in China kein Name drauf steht. Die Finder wussten nicht, dass dies die Karte eines Ausländers war!

 

Dies ist nicht das einzige Beispiel dafür, dass ich China gegenüber und gegenüber Chinesen positiver eingestellt bin als die Chinesen selbst.

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