China? Welches China?

Die Große Mauer bei Juyongguan, Peking
Die Große Mauer bei Juyongguan, Peking

Ein Student untersuchte im Rahmen seiner Bachelorarbeit die Veränderung des Chinabildes bei Spiegel Online in den Jahren 2007 bis 2012. Sein Ergebnis schien einigermaßen verblüffend. Er stellte fest, dass sich das Chinabild in dieser Zeit zum Positiven hin entwickelt hatte. Es wurden zunehmend neutrale oder zumindest weniger negative und ironische Artikel veröffentlicht. Diese Entwicklung konnte anhand seiner Daten klar nachvollzogen werden. 

 

Der im Raum anwesende (chinesische) Professor konnte sich kaum auf seinem Stuhl halten. Er zitierte einen jüngeren chinesischen Zeitungsartikel, der genau zu einem gegenteiligen Schluss gekommen sei. China hätte kein gutes Image im Ausland, was völlig ungerechtfertigt wäre, weil die Medienberichterstattung dort auf bloßen Meinungen beruhte, und weil Ausländer China sowieso generell nicht verstehen könnten.

 

Dieses Missverständnis lässt sich glücklicherweise einfach klären. Es gibt nicht „das Chinabild“. Und die verschiedenen Bilder von China, die in unseren Köpfen vorhanden sein mögen, können sich grundlegend von einander unterscheiden. Und - was vielleicht noch wichtiger ist - von der Realität. Der Begriff „Chinabild“ beschreibt keine Tatsache, sondern vielmehr eine Interpretation, eine sehr subjektive Sicht auf die Realität. 

 

Wenn man aufmerksam Zeitung liest und ein wenig im Internet herumstöbert, dann begegnen einem so ziemlich alle auch nur denkbaren Attribute für China. 

 

US-Amerikaner betonen in Interviews und Leserbriefen häufig, dass sie China für ein kommunistisches Land halten. Was dann aber wieder im Widerspruch zu dem offensichtlichen Luxus stünde, in dem eine zunehmend größer werdende Mittelschicht in den Städten Chinas lebte. Ein Video auf Youtube trägt daher passenderweise den ironischen Titel „The People‘s Republik of Capitalism“.

 

Erstaunlich viele Menschen in Deutschland bemühen ein ebenso peinliches wie bedenkliches Zitat Kaisers Wilhelms II., der von einer „gelben Gefahr“ sprach. 

 

Meine japanischen Freunde finden Chinesen viel zu laut. Meine Bekannte aus Malaysia betonen, wie wenig Chinesen für Hygiene übrig haben. Eine deutsche Freundin schimpft, dass Chinesen immer und überall so sehr drängeln. Eine Hotel-Besitzerin will keine chinesischen Gäste mehr, weil die letzten Gruppen die Toiletten, gelinde gesagt, auf kreative Weise genutzt hätten, und weil sie geklaut hätten wie die Raben. 

 

In einigen Entwicklungs- und Schwellenländern sind Chinesen als Investoren und Straßenbauer gern gesehen. Und nicht nur da. Auch in Deutschland gehen chinesische Unternehmer mit enger Beziehung zur Staatsführung regelmäßig auf Einkaufstour im Mittelstand. Der Geschäftsführer eines kleinen deutschen High-Tech-Unternehmens macht einen großen Bogen um Chinesen, weil er von ihnen nichts anderes als Ideenklau erwartet. 

 

Ein bekannter Autor betonte in einem Essay, dass in China 1,3 Milliarden Menschen von einer kleinen, korrupten Gruppe von Gangstern als Geiseln gehalten würden. Ähnliches wird aber auch über Nordkorea oder Kuba oder in jüngster Zeit Syrien geschrieben.

 

China - so denken womöglich viele Deutsche -, das sei ein riesiges Land voller Fälscher und Betrüger, die angeblich alles essen, das fliegt und kein Flugzeug ist, oder was vier Beine hat aber kein Tisch ist, sich Kommunisten nennen und gleichzeitig Lamborghini oder Bentley fahren und zum Schoppen übers Wochenende nach Paris oder New York fliegen. China ist für viele das Land mit der größten Umweltverschmutzung und dem schnellsten Wirtschaftswachstum, ein Land zwischen Tradition und Moderne oder eines, in dem beides nebeneinander existiert.

 

Und je nachdem, wie man die Machtverhältnisse in China einschätzt, spricht man dann von einem Land von Unterdrückten oder von Unterdrückern. Wer über China unter Vernachlässigung des großen Themenbereiches Politik spricht, der gilt als ignorant. Wer über das politische System Positives sagt, gilt womöglich als unwissend oder gefährlich.

 

Sobald das Wort „China“ während eines Smalltalks fällt, ist die Büchse der Pandora geöffnet und eine schier unerschöpfliche Flut von Wissen, Halbwissen, Unwissen, Stereotypen, Meinungen und Vorurteilen bricht über einen herein.

 

Übrigens nicht nur negative. Eine Bekannte ist der Meinung, dass die Chinesen das freundlichste und höflichste Volk seien, das ihr je begegnet sei.

 

Keine der hier aufgezählten Meinungen kommt der Realität besonders nahe. China ist anders. Ganz anders. So anders, dass uns Deutschen oder Europäern vermutlich kein Kategoriensystem zur Verfügung steht, um China zu angemessen beschreiben oder zu hinterfragen.

 

Es scheint absolut unmöglich - nicht nur inadäquat - dieses Gebilde, das weithin „China“ genannt wird, in wenigen Sätzen zu beschreiben oder gar eine fundierte Bewertung dessen abzugeben. 

 

Was bleibt, das ist die Möglichkeit, das zu beschreiben, was erlebbar, was beobachtbar, was irgendwie objektivierbar ist. Und gleichzeitig zu betonen, dass das, was ein Nicht-Chinese (oder jemand, der nicht wie ein Chinese aussieht) in China erlebt, sich deutlich von dem unterscheidet, was ein Chinese erlebt und erfährt.

 

Fragmente, Bruchstücke eines Bildes von China sind das Beste, das wir erwarten können, wenn wir uns in ein Buch über China vertiefen. Oder in einen Blog. 

 

Wenn der Autor es aber ernst meint , dann legt er zunächst offen, wie lange er wo genau in China lebte, in welcher Wohngegend er lebte, mit wie viel Geld pro Monat er auskommen musste. 

 

Gemäß den Umständen begegnet den Fremden in China nämlich ein jeweils recht unterschiedliches Land mit ganz unterschiedlichen Möglichkeiten und Problemen. 

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