Dein Englisch ist wirklich sehr gut!

Pudong, Shanghai
Pudong, Shanghai

Wer als Ausländer in Peking oder Shanghai lebt, der hat sich womöglich längst daran gewöhnt, dass die meisten jungen Chinesen wenigstens ein bisschen Englisch sprechen. Auch die Älteren, die häufig mit Ausländern in Kontakt sind. In Hongkong sowieso.

 

Viele Chinesen denken auch, dass Englisch ein sehr wichtiges Schulfach für ihre Kinder ist. Warum eigentlich?

 

Weil alle Nicht-Chinesen Englisch sprechen. Egal, mit welcher Muttersprache sie aufgewachsen sind, alle Menschen können Englisch. Vor allem alle aus dem Westen. Die meisten Ausländer brauchen sich kaum anzustrengen, um Englisch zu lernen. Sie lernen es quasi nebenher, und daher können fast alle Weiße Englisch. Und die Schwarzen sowieso, denn das weiß man ja aus den amerikanischen Kinofilmen.

 

Soweit der Volksmund.

 

Was für uns bestenfalls ironisch klingen mag, nehmen die meisten Chinesen, mit denen ich ins Gespräch gekommen bin, als Tatsache hin: Ohne Englisch kommt man zu nichts, denn alle Menschen außerhalb Asiens sprechen Englisch und haben das praktisch mühelos gelernt. Je nachdem, wie gut man sich kennt, bekommt man dann noch den folgenden Satz zu hören: „Du hast es gut, Du brauchtest Dich ja nicht anzustrengen, um Englisch zu lernen. Aber für uns Chinesen ist es so schwer!“

 

Wenn ein Ausländer in China den Mund öffnet, dann erwartet daher jeder halbwegs vernünftige Chinese einen englischen Satz. Denn - und das ist ja eine andere weithin bekannte Tatsache - Ausländer sprechen nur in den aller seltensten Fällen Chinesisch. Praktisch nie sozusagen.

 

Wenn der weltoffene Tourist, der nach China kommt vor seiner Abreise noch erfolgreich einen Chinesischkurs absolviert hat, dann freut er sich darauf, das Gelernte in der Praxis, z.B. auf dem Straßenmarkt, anwenden zu können.

 

Das klingt dann ungefähr so:

Tourist (auf Chinesisch): Was kostet das T-Shirt?

Verkäufer (auf Englisch): 50 RMB.

Tourist (auf Chinesisch): Haben Sie das auch in Schwarz?

Verkäufer (auf Englisch): Ja, sicher.

Tourist (auf Chinesisch): Ich nehme dann ein weißes und ein schwarzes. Zusammen für 80 RMB, o.k.?

Verkäufer (auf Englisch): Das ist zu billig. 90 RMB.

Tourist (auf Chinesisch: Gut.

 

Anschließend sind beide glücklich. Der Tourist freut sich, weil er glaubt, ein Schnäppchen gemacht zu haben, was ihm natürlich nur dank seiner Chinesischkenntnisse möglich gewesen ist. Und der Verkäufer lacht sich ins Fäustchen, weil er dank seiner Englischkenntnisse wieder einmal einen reichen Touristen übers Ohr hauen konnte. Denn ein Landsmann hätte für dieselben Hemden sicher nicht mehr als 30 RMB bezahlt.

 

Das ist eines der typischen Kommunikationsspiele, wie sie vermutlich nicht nur in China, sondern fast überall auf der Welt stattfinden.

 

Viele Menschen, die lange oder oft in China waren, berichten davon, dass sie von Chinesen oft nicht verstanden werden, auch wenn sie sicher jedes Wort korrekt ausgesprochen haben. Man findet solche oder ähnliche Anekdoten in vielen Büchern über China. 

 

Der Grund liegt auf der Hand: Die Gesprächspartner erwarten ja überhaupt nicht, dass ein Ausländer Chinesisch spricht. Ihr Gehör ist sozusagen auf Englisch eingestellt. Wenn die Chinesen aber selbst kein Englisch sprechen, dann sind ihre Ohren sozusagen von Anfang an verschlossen: Was der Ausländer da sagt, kann von mir doch überhaupt nicht verstanden werden! Denn der Ausländer kann ja kein Chinesisch und ich (als Chinese) kann ja auch kein Englisch.

 

Eine perfekte Ausgangsposition für eine schier endlose Zahl an Missverständnissen und Verwirrungen.

 

Mein Chinesisch ist wirklich nicht sehr gut. Aber zum Einkaufen und zum Bestellen im Restaurant reicht es aus. Viele Chinesen haben eine Begabung darin, andere zu ermuntern oder anzufeuern. Nicht nur in Verkaufssituationen, nebenbei bemerkt. Nur eine der vielen angenehmen Wesenszüge, denen man in China häufig begegnen kann.

 

Und das klingt dann ungefähr so (auf Chinesisch): „Dein Englisch ist wirklich hervorragend.“

Ich hatte aber Chinesisch gesprochen!

 

Vermutlich lautet die höflichste Erwiderung auf diesen Satz: „Na, geht so.“ Oder: „Nein, ich muss noch viel lernen.“ Mit anderen Worten: Man reagiert nicht auf das, was der Gesprächspartner gesagt hat, sondern auf das, was er offenbar meinte. So funktionieren die meisten kurzen Unterhaltungen, wie ein Pingpong-Spiel, eine feste Abfolge von Sätzen, die zu einander passen und allen Beteiligten ein Gefühl der Entlastung geben, weil man eben weder nachdenken muss noch dem Anderen gegenüber Sympathie empfinden muss.

 

Manchmal wird es aber einfach zu langweilig. Mir zumindest.

In letzter Zeit führe ich das Gespräch nach dem anfänglichen Lob häufig ganz anders fort. 

Das Gespräch muss man sich jetzt auf Chinesisch vorstellen:

 

Ich: „Ich hätte gerne dieses T-Shirt, aber ich brauche es in XXXL. Haben Sie es auch in Schwarz?“

Verkäuferin: „Ja, ich glaube, wir haben es auch in XXXL, und nach der Farbe schaue ich mal. Bitte warten Sie einen Moment.“

Ich: „Gut.“

Verkäuferin: „Wir haben das Hemd noch. Möchten Sie es lieber noch einmal anprobieren?“

Ich: „Ja, gerne.“

Verkäuferin: „Ihr Englisch ist wirklich ganz hervorragend.“

Ich: „Danke. Ihr Chinesisch ist auch ziemlich gut.“

Und dann lachen wir beide herzlich, und nach einigem Hin und Her mit viel Gelächter einigen wir uns dann auf einen Preis, von dem wir beide glauben, dass wir ein gutes Geschäft gemacht haben. 

 

Es ist eben ein Spiel.

TopBlogs.de das Original - Blogverzeichnis | Blog Top Liste Blogverzeichnis > </a> </body> </html>
blogwolke.de - Das Blog-Verzeichnis </body
Blogverzeichnis